Der Leserbrief
Zum dritten Mal seit 2022 senkt der Bund die Steuer auf Benzin und Diesel, diesmal um 14 Cent je Liter für rund 2,5 Milliarden Euro. Gleichzeitig öffnen die G7-Staaten ihre Ölreserven. Die Kaufprämie für Elektroautos wurde im Dezember 2023 über Nacht gestrichen, 2026 kam eine neue. Mal Gas, mal Bremse. So kommt man nicht an.
Norwegen hat sich vor Jahrzehnten für eine Richtung entschieden und ist dabei geblieben. 2025 waren dort 96 von 100 neuen Autos rein elektrisch. Die Ölpreiswelle kommt dort kaum noch an.
Der Einwand liegt nahe: Norwegen hat Wasserkraft, wir müssten den Strom fossil erzeugen. Doch schon heute stammt mehr als die Hälfte unseres Stroms aus erneuerbaren Quellen, und der Anteil wächst. Ein Elektroauto verursacht in der EU über sein ganzes Leben rund 70 Prozent weniger Treibhausgas als ein Benziner. Wer wartet, bis der Strom vollständig grün ist, fährt nie los.
In meinem eigenen Arbeitsfeld, der Seeschifffahrt, sehe ich dasselbe Zögern. Die Schiffe tankten 2024 vier Prozent mehr Kraftstoff als im Jahr davor. Erneuerbar war 2025 nur rund 0,7 Prozent davon, und dieser Anteil wächst um 0,15 Prozentpunkte im Jahr. Damit der fossile Verbrauch wenigstens nicht weiter steigt, müsste er sechsmal so schnell wachsen. Das Ziel der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation, bis 2030 ein Fünftel weniger Emissionen, rückt so in immer weitere Ferne.
Die Jahre 2023 bis 2025 lagen erstmals im Mittel über 1,5 Grad. Irgendwann muss man losmarschieren. Die 2,5 Milliarden Euro wären ein Anfang gewesen.
Jürgen Ruth, Diplom-Physiker, Wurster Nordseeküste
Die Belege
Woher die Zahlen stammen
Jede Aussage im Brief hat hier einen eigenen Abschnitt mit Links. „Primär“ heißt: Die Angabe stammt vom Herausgeber der Daten selbst. „Bericht“ heißt: Eine Zeitung oder ein Fachdienst gibt sie wieder. Stand: 3. Oktober 2026.
Der Bund senkt die Energiesteuer vom 1. Oktober bis 31. Dezember 2026 um 14,04 Cent je Liter, Kosten rund 2,5 Milliarden Euro. Es ist der dritte Tankrabatt seit 2022: Der erste galt vom 1. Juni bis 31. August 2022, der zweite im Frühjahr 2026.
Die G7-Staaten geben über die Internationale Energieagentur 100 Millionen Barrel Rohöl und Diesel aus ihren Notreserven frei, nach 400 Millionen Barrel im März 2026.
Der Umweltbonus für Elektroautos wurde zum 18. Dezember 2023 beendet, zwei Tage nach der Ankündigung. Für 2026 gibt es eine neue Förderung.
In Norwegen waren 2025 95,9 Prozent der neu zugelassenen Pkw rein elektrisch. Im Bestand haben Elektroautos inzwischen die Dieselautos überholt.
Erneuerbare Energien deckten 2025 nach vorläufiger Rechnung knapp 56 Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs.
Ein batterieelektrisches Auto verursacht in der EU über sein ganzes Leben 73 Prozent weniger Treibhausgas als ein Benziner (63 gegenüber 235 Gramm CO₂-Äquivalent je Kilometer). Gerechnet ist mit dem für 2025 bis 2044 erwarteten Strommix der EU.
Der Kraftstoffabsatz an Seeschiffe stieg 2024 um 4 Prozent auf 242 Millionen Tonnen und 2025 nochmals um 1,6 Prozent. Erneuerbar war 2025 rund 0,7 Prozent, 2023 rund 0,4 Prozent. Der Anteil wächst also um rund 0,15 Prozentpunkte im Jahr. Damit der fossile Verbrauch bei rund 1 Prozent Verkehrswachstum nicht steigt, müsste er um rund einen Prozentpunkt im Jahr wachsen, also sechsmal so schnell. Die Anteile sind eigene Auswertung: fossiles Flüssigerdgas herausgerechnet, Biokraftstoffe nach Energiegehalt und Klimabilanz bereinigt.
Die IMO-Strategie von 2023 verlangt, die Treibhausgase der internationalen Seeschifffahrt bis 2030 um mindestens 20 Prozent gegenüber 2008 zu senken, bis 2040 um mindestens 70 Prozent und um 2050 Netto-Null zu erreichen.
Die Jahre 2023 bis 2025 lagen erstmals im Mittel mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau.
Die Bewertungen im Brief sind meine Meinung. Die Zahlen lassen sich über die Links prüfen.